Prozesse & Strategien

  • Neue Rolle der Kunden

    Der Kunde möchte bei der Gestaltung „seiner“ Käufe immer mehr mitwirken, das Produkt nach eigenen Wünschen gestalten. Entsprechend muss er vor dem Kauf, im Liefervorgang und After-Sales-Bereich nun deutlich stärker eingebunden werden, als beim herkömmlichen Massenwaregeschäft. Produktkonfiguratoren sind mittlerweile nicht mehr nur bei hochpreisigen Waren wie Autos notwendig, sondern auch in vielen anderen Bereichen wie zum Beispiel Fotobüchern, Kleiderschränken, Tassen, Müsli oder für die individuelle Schokolade. Und auch die Sendungsnachverfolgung ist mittlerweile eine standardmäßige Dienstleistung für den Kunden im Lieferprozess, die zu einem entscheidenden Kaufargument werden kann. Auch im B2B-Bereich werden solche Modelle getestet, z.B. bei der Ausstattung von Büros, im Maschinenbau oder bei Flurförderzeugen.
  • Produktentwicklung und Fabrikplanung mit Simulationstechnik

    Simulationen helfen in unterschiedlichen Bereichen: Wenn bei der Konstruktion komplexer Bauteile nicht nur die Passgenauigkeit sehr hoch sein muss, sondern das Bauteil auch Zug- und Druckbelastungen in bestimmten Richtungen ausgesetzt ist, können Simulationen viele aufwändige Experimente und den Bau von Prototypen ersetzen. In der pharmazeutischen Wirkstoffforschung ist die Simulation von Medikamentenmolekülen und ihren Wirkstellen im Körper seit vielen Jahren das Mittel der Wahl, um schneller potenzielle Wirkstoffkandidaten zu screenen. Die Simulation ersetzt keine klinische Studien, beschleunigt aber die Suche nach neuen Medikamenten. Auch die 3-dimensionale Erfassung von Fabriken durch Scanner kann Vorteile gegenüber der 2-dimensionalen Darstellung bringen: Jeder Umbau, jede Platzierung einer neuen Maschine kann intuitiv simuliert und beurteilt werden. Simulationsprogramme sind oft sehr komplex und teuer. Mittlerweile gibt es auch browserbasierte Lösungen, die sich der Cloud bedienen und – wer es möchte – kollaborative Ansätze mit der Crowd.
     Aus der Praxis
    Das Unternehmen SimScale GmbH in München hat eine Plattform für die numerische Analyse unterschiedlichster ingenieurtechnischer Fragestellungen entwickelt. Statt teurer eigener Hard- und Software werden die Simulationen bedarfsorientiert über das Internet durchgeführt. Wer möchte, kann darüber hinaus auf Hinweise und Ergebnisse anderer Nutzer zugreifen und so eventuell schneller zum Ziel gelangen. Bezahlt wird nur, was auch benötigt wird.
    SimScale GmbH

    Neue Möglichkeiten für die Arbeit von Ingenieuren, Foto: SimScale GmbH

    SimScale GmbH Simulation

    Strömungssimulation eines KFZ-Lufteinlasssystems, Bild: SimScale GmbH

     Aus der Praxis
    Das Rolls-Royce Werk in Goodwood (UK) wurde an nur einem Wochenende bis auf 2 mm genau vermessen. Die 3-dimensionale Abbildung der Produktion ersetzt die aufwendige Darstellung im CAD-Programm.
    Scan Rolls Royce Werk, BMW

    Simulation und Digitalisierung der Fabrik, Rolls-Royce Motor Cars Goodwood, Bild: BMW ‎GROUP


  • Mitwirken bei der Standardisierung

    Standardisierung von Bauteilen reduziert die Anzahl von Einzelteilen mit geringfügigen Unterschieden. Dazu können Teile universell für alle Plattformschnittstellen ausgelegt oder durch Überdimensionieren die beste Version eines Teils standardmäßig verbaut und genutzt werden. Der Umschlag eines standardisierten Bauteils steigt und es entsteht mehr Freiraum im Lager. Um im Rahmen von Industrie 4.0 Standards vereinbaren zu können, hat die Bundesregierung die Plattform Industrie 4.0 ins Leben gerufen. Hier haben Unternehmen die Möglichkeit, sich gemeinsam mit anderen interessierten Firmen zusammen an die Ausarbeitung von möglichen Standards zu machen und hier in einen Austausch zu kommen. Das amerikanische Pendant hierzu ist das Industrial Internet Consortium (IIC), das im letzten Jahr von prominenten US-Hightech-Firmen ins Leben gerufen wurde. Eine weitere Möglichkeit des Engagements ist die Mitarbeit im DIN, dem Deutschen Institut für Normung.
  • Postponement bei der Produktion (Aufschubstrategie)

    Das Motto von Postponement lautet „Aufschieben bis zum letzten Moment“. Während des Bestellprozesses legt der Kunde die von ihm gewünschten Spezifikationen des Produktes fest. Fällt dem Käufer im Nachhinein plötzlich auf, dass er das Ziffernblatt seiner neu gestalteten Uhr lieber blau statt rot hinterleuchtet haben möchte, hätte er nach Beauftragung normalerweise keinen Anspruch mehr auf Anpassung seiner Bestellung. Jedoch kann ein Unternehmen, das auf die Änderung flexibel reagieren kann, sich einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten. Voraussetzung dafür sind einerseits eine weitgehende Modularisierung des Produkts und andererseits der spätestmögliche Verbau kundenindividueller Teile, das sogenannte Postponement.
  • Neue Services und Geschäftsmodelle durch Big Data

    Big Data bedeutet „große Datenmenge“. Jede Maschine und jeder Sensor sendet in regelmäßigen Abständen Status und Zustand an eine verwaltende Instanz. Dadurch entstehen in kürzester Zeit große Datenmengen, die weiter verarbeitet werden müssen. Überall im Unternehmen entstehen mehr oder weniger große Datenmengen, die zunächst einmal Kosten erzeugen, denn die Daten müssen zunächst gespeichert werden. Aus ihnen können aber in Folge viele Interpretationen und Rückschlüsse für neue Services und Geschäftsmodelle generiert werden. Eine der Herausforderung in der Produktion ist es, Ausfallzeiten zu reduzieren und die Intervalle zwischen Wartungen zu verlängern. Durch die intelligente Analyse von Sensordaten sowie Fehler- und Ausfall-Mustern können Ausfälle vorhergesagt (sog. Predictive Maintenance) und Teile ausgetauscht werden, bevor ein größerer Schaden entsteht. Geben technisch komplexe Produkte ihre Zustandsdaten per Internet an den Hersteller weiter, könnte dieser frühzeitig einen Servicetechniker schicken und durch die erweiterte Funktionsgarantie im Markt punkten. Aus großen Datenmengen entstehen neue Geschäftsmodelle. Carsharing, die Angebote uber und airBNB oder auch die Verfolgung von Paketsendungen verdeutlichen den Trend. Die Verknüpfung von Daten („ich muss nach xy, brauche eine Unterkunft…“ und „ich fahre nach xy, habe ein Zimmer frei“) über das Internet ebnen den Weg für diese neuen Geschäftsmodelle. Dies gilt analog auch für B2B-Unternehmen. So könnten z.B. Hersteller von Pumpen auf die Idee kommen, Kubikmeter Luft zu verkaufen statt Pumpen oder Hersteller von Flurförderzeugen bieten Transportleistungen nach Stunden an und nehmen damit den Trend der Zeit auf, nur noch das zu bezahlen, was auch wirklich genutzt wird, „pay per use“. Voraussetzung für die Akzeptanz der Dienste sind eine nutzerfreundliche und intuitive Bedienoberfläche, sowie oft auch die Übertragung der Daten in Echtzeit.
  • Shareconomy

    "Shareconomy" - die Wortkreation aus 'Sharing' und 'Economy' steht für den kollaborativen Konsum: teilen, leihen und mieten statt besitzen. Das gemeinsam Nutzen von Produkten und Dienstleistungen kann dabei nicht nur umweltfreundlich, sozial und kostensparend sein, sondern auch komfortabel. Zum Beispiel wenn man für kurze Strecken bequem ein Auto mietet, bei Stau aufs Mietfahrrad wechselt und den Urlaub in Privatunterkünften verbringt - inklusive Reisetipps von Einheimischen. Der Trend zieht sich über Branchen hinweg und macht nicht nur bei Privatpersonen halt. Im kommerziellen Bereich bieten Coworking Spaces Arbeitsraum zum Teilen, andere Unternehmen bieten Rechnerdienste oder sogar Baumaschinen zum gemeinsamen Nutzen an. Neu ist der Trend zwar nicht, dafür aber der mobile Zugriff auf die Plattformen, der die gemeinsame Nutzung komfortabel und leicht macht. Dabei verschiebt sich die Wertschöpfung, denn bezahlt wird nicht primär das Produkt, sondern dessen Nutzung. Dies erlaubt auch neuen Wettbewerbern den Eintritt in den Markt. Dabei bietet der Trend gerade Industrieunternehmen Chancen, die Endnutzer auch direkt zu erreichen und sich den Marktzugang auch zukünftig zu sichern.
    4 Fragen an...

    Interview mit Christian Dummler, Geschäftsführer und CFO der Zeppelin GmbH‎

    Welche Idee steckt hinter der Plattform klickrent.com?

    „Das Geschäftsmodell von Zeppelin Rental sieht vor, alle Assets wie Maschinen und Geräte ‎selbst zu besitzen und diese nah beim Kunden zu platzieren, um eine schnelle Nachfrage zu ‎befriedigen. Dieser Ansatz ist teuer und skaliert sehr schwierig. Außerdem sind Kunden an ‎Öffnungszeiten gebunden. Im Jahr 2013 haben wir uns die Frage gestellt, was es für Zeppelin ‎bedeuten würde, wenn es eine Plattform gäbe, auf der Baumaschinenbesitzer ihre Geräte ‎vermieten könnten, ähnlich eines Shared-Economy Ansatzes? Die Auswahl an Geräten, ‎Verfügbarkeit, Nähe und Komfort würden unseren bisherigen Vertriebskanal über unsere ‎Niederlassungen fast immer schlagen. Ein ganz wichtiger Teil des Geschäftsmodells von ‎Rental wäre damit akut in Gefahr. Aus diesen Überlegungen heraus wurde 2014 das ‎Tochterunternehmen klickrent in Berlin gegründet, abseits des etablierten Zeppelin Konzerns.“

    Sie haben die Plattform explizit auch für Wettbewerber geöffnet. Warum haben Sie ‎sich für diesen Weg entschieden?

    „Zu unseren Partnern zählen nicht nur klassische Vermietunternehmen, sondern auch ‎Hersteller, die gemeinsam mit beziehungsweise über klickrent ein Vermietgeschäft aufbauen ‎oder mit uns strategisch zusammenarbeiten wollen. Hinzu kommt erstes Interesse von ‎klassischen Bauunternehmen von Konzerngröße sowie von Mietvereinigungen. klickrent ‎verfolgt dabei das strategische und für einen offenen Marktplatz unabdingbare Ziel, ‎unabhängig von Herstellern und Vermietern zu sein. Denn dies ist die Grundlage für die ‎Schaffung eines transparenten, digital verfügbaren sowie einfach zu bearbeitenden ‎Mietgeschäfts.‎“

    Welches Businessmodell verfolgen Sie mit der Plattform‎?

    „Unser Ziel ist es, mit klickrent existierende Vertriebswege zu revolutionieren und zu ‎digitalisieren! Mit klickrent können wir herstellerunabhängig Baumaschinen und Geräte anbieten bzw. vermitteln. Dank ‎der Online-Plattform ist ebenso eine Erweiterung auf andere Produktsparten denkbar, ‎beispielsweise auf Landwirtschaftsmaschinen. Im Moment liegt der Schwerpunkt unserer ‎Geschäftstätigkeit auf dem deutschen Markt. Die Etablierung ähnlicher Marktplätze in ‎weiteren Ländern ist jedoch vorgesehen‎.“

    Welches Businessmodell verfolgen Sie mit der Plattform‎?

    „Wir waren uns bei der Gründung von klickrent bewusst, dass das zumindest die ‎Kannibalisierung des eigenen Geschäfts bedeuten könnte und wir uns damit Konkurrenz im ‎eigenen Unternehmen schaffen könnten. Wir wussten aber auch, wenn wir diese ‎Geschäftsidee nicht selbst am Markt etablieren, dann tut es jemand anderes. ‎
    Unternehmen, die über eine ähnliche Erweiterung ihres Geschäftsmodells nachdenken, ‎sollten berücksichtigen, dass die Digitalisierungsstrategie vom obersten Management ‎gesteuert und verantwortet werden sollte, damit sie erfolgreich umgesetzt werden kann.‎ Zudem ist die Kommunikation an die Mitarbeiter ein wichtiger Faktor. Unsere Mitarbeiter ‎wurden über das Vorhaben, klickrent zu gründen, umfassend informiert. Wir haben die ‎Gründe genannt, Zusammenhänge erklärt und deutlich gemacht, dass klickrent kein Ersatz ‎für bestehendes Geschäft ist, sondern eine Ergänzung dessen. Dieser Schritt war neben ‎vielen anderen wichtig für die Akzeptanz innerhalb des Unternehmens und letztendlich den ‎Erfolg von klickrent.‎“





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