Interview

Interview mit Prof. Dr. Sabine Pfeiffer, Lehrstuhl für Soziologie, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Industrie 4.0 hält Einzug in unser Leben. Müssen wir uns Sorgen um unsere Jobs ‎machen?‎


Wenn überhaupt, dann wird Industrie 4.0 erst einmal im Arbeitsleben spürbar und sichtbar – ‎in unserem eigentlichen Leben werden die meisten von uns davon nicht viel spüren. ‎Industrie 4.0 ist ein breiter Begriff, es werden unter ihm vielfältige digitale Strategien und ‎unterschiedlichste Nutzungsformen ganz unterschiedlicher Technologien gefasst. Ob der ‎kollaborative Roboter wirklich zum Kollegen wird oder Arbeit ersetzt, ob die KI zur ‎hilfreichen Unterstützung wird oder den Menschen zum Anhängsel macht: das ist Folge der ‎Gestaltung der neuen Technik – die Folgen sind nicht in die Technik sozusagen eingebaut. ‎Und auch wenn wir ständig von Disruption reden: das Neue muss in bestehenden Betrieben ‎auch erst ankommen, passend gemacht werden, ökonomisch sinnvoll sein und robust laufen. ‎Diese Prozesse sind dann oft gar nicht so schnell und fühlen sich eher inkrementell an. ‎Industrie 4.0 ist in einer Volkswirtschaft wie der deutschen, die einen starken Maschinenbau ‎hat und damit nicht nur Anwender, sondern Enabler von Industrie 4.0 ist, auch zu Chancen ‎für neue Jobs. Aber einfach Entwarnung auszurufen, wäre falsch. Technik wurde immer auch ‎dafür eingesetzt, menschliche Arbeit zu ersetzen. Unternehmen, denen aber mit den neuen ‎‎4.0-Technologien nichts Besseres einfällt als das, agieren ziemlich „1.0“. Denn wie mächtig ‎der MachineLearning-Algorithmus auch erscheinen und wie ermüdungsfrei auch jeder ‎Roboter arbeiten mag: Innovationsfähigkeit bleibt die Domäne des Menschen. Wer die ‎Beschäftigten im eigenen Unternehmen nur als Kostenfaktor, nicht aber als zentrale ‎Ressource für die Wertschöpfung und vor allem für die Innovation von Morgen und ‎übermorgen sieht, versteht das eigentliche Potenzial der Digitalisierung nicht.‎

Welchen Einfluss hat neue Technik auf unser Arbeitsleben und uns selbst?‎


Auch da gilt – und das ist das, was 4.0 eigentlich ausmacht: Es gibt nicht „die“ Technik. Wir ‎haben ein ganzes Bündel an Technologien, deren Potenzial sich erst entfaltet, wenn sie ‎gestaltet werden. 4.0-Technologien sind gestaltungsbedürftig. Deswegen ist die erste Frage ‎nicht: Was kommt hinten raus, sondern: Was wollen wir damit tun? Welche dringenden ‎Probleme wollen wie lösen? Welche Tätigkeiten wollen wir damit unterstützen? Welche ‎ganz neuen Möglichkeiten wollen wir schaffen? Momentan denken wir alles verkürzt von ‎der Technik her. Die aber ist nicht fix gegeben. Wichtig ist, sich den Herausforderungen ‎der Gestaltung zu stellen und sie möglichst partizipativ mit den Beschäftigten anzugehen. ‎Dann kommen nicht nur sinnvolle und ökonomisch sich rechnende Prozesse hinten raus, ‎dann lernen die Beschäftigten das Neue im Doing von Anfang an auch kennen und ‎beherrschen.‎

Gibt es Berufsbilder in der Industrie, die aus Ihrer Sicht eher von starken ‎Veränderungen betroffen sein werden?‎


Betroffen sind praktisch alle Berufsbilder. Das ist aber nichts Neues. Das ‎Berufsbildungssystem ist hervorragend aufgestellt und hat extrem schnell auf die neuen ‎Anforderungen reagiert. Allein im letzten Herbst sind fast 30 neue bzw. überarbeitete ‎Berufsbilder an den Start gegangen. 4.0 wird also schon in die Ausbildungsberufe eingebaut. ‎Das gilt für den Hochschulbereich nicht im gleichen Maße. Unser Berufsbildungssystem ist ‎übrigens eine der wichtigsten Ressourcen für die Bewältigung der digitalen Transformation. ‎Anders als andere Nationen, mit denen sich unsere Volkswirtschaft dabei im Wettbewerb ‎sieht, haben wir durch die Berufsbildung eine in der Mitte breit qualifizierte ‎Arbeitskraftstruktur. Das ist eine oft stark unterschätzte Basis für Veränderung. Da niemand ‎ganz genau sagen kann, wie die Arbeitswelt in 20 Jahren konkret aussehen wird, kann die ‎Antwort nur sein: möglichst viele brauchen eine solide Bildungsbasis, aus der heraus man ‎sich dann auf auch mal dramatischeren technischen Wandel gut einstellen kann.‎

Welche Chancen sehen Sie durch die Industrie 4.0 für die Arbeitswelt?‎


Die neuen Technologien sind hochspannend und bieten eine Fülle von Chancen. Wir könnten ‎mit ihrer Hilfe z.B. darüber nachdenken, Produktionsarbeit von enger Schicht- und ‎Taktbindung zu befreien und zu einem auch für junge Menschen wirklich attraktivem Umfeld ‎zu machen. Wir könnten mit echter „on demand“-Produktion hoch ökologisch nur dann ‎produzieren, wenn konkreter Bedarf besteht. Wir könnten hoch ausgebildete Fachkräfte wie ‎bspw. im Engineering endlich von lästigen Dokumentationspflichten befreien und ihnen ‎wieder mehr Freiraum für echte Innovationsarbeit geben. Es gibt unzählige Chancen, aber ‎sie kommen nicht von alleine, sie finden sich nicht „on board“ der Technik: man muss sie ‎wollen und den Gestaltungsprozess dazu ernst nehmen.‎

Chancen, Risiken – ist der Wandel durch Industrie 4.0 aus Ihrer Sicht eher Gewinn ‎oder Verlust und wie sollten wir uns darauf einstellen?‎


Industrie 4.0 kommt nicht von irgendwoher über uns. Industrie 4.0 wird das, was wir daraus ‎machen. Daher stellt sich für mich die Frage so nicht. Die Chancen müssen wir ergreifen und ‎gestalterisch und partizipativ umsetzen. Die Risiken (und davon gibt es eben auch einige) ‎müssen wie ernst nehmen und da wo sie Menschen, Miteinander oder Natur schädigen ‎könnten, damit ebenso ernsthaft umgehen. So liegt ein großes Risiko darin, dass Ergebnisse ‎und Bewertungen von KI- oder MachineLearning-Algorithmen zu 98% wunderbar stimmig ‎erscheinen mögen. Das klingt gut. Kann aber in vielen Bereichen dann zum Problem werden, ‎wenn sich nicht wissen lässt, wann die fehlerhaften 2% eintreten und wie sie aussehen. Das ‎größte Risiko wäre, dass wir unausgegorene „autonome“ Technik auf unstrukturierte Daten ‎loslassen und das Ganze so gestalten, dass auf Dauer weder der Mensch noch der ‎Algorithmus lernfähig bleiben. An der Stelle haben wir alle viel zu lernen. In dieser ‎notwendigen gesellschaftlichen Lernphase kommt es darauf an, dass Gewinne (jeglicher Art) ‎und Verluste (jeglicher Art) fair verteilt werden. Auch darüber müssen wir einen breiten ‎Dialog führen. Die gute Nachricht: anders als in der ersten industriellen Revolution haben ‎wir heute demokratischere Strukturen als damals – in der Gesellschaft insgesamt, aber auch ‎in den Betrieben. Das ist ein echtes „Asset“. Demokratie aber muss mit Leben gefüllt ‎werden, muss auch die zu Wort kommen lassen, die vielleicht (und meist nicht ohne ‎sachlichen Grund) auch mal skeptisch sind. Und vielleicht müssen wir uns auch mal reiben ‎und streiten darüber, wohin die Reise geht. Das kostet Zeit und fühlt sich manchmal ‎mühsam an. Aber es lohnt sich, schließlich gestalten wir heute auch die Arbeitswelt von ‎Morgen mit.‎

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