Interview

Interview mit Dirk Holbach, Corporate Senior Vice President International Supply Chain der Henkel AG & Co. KGaA

Digitalisierung ist ja in aller Munde. Welche Rolle spielt die Industrie 4.0 für die Produktion bei der Henkel AG & Co. KGaA?

Für uns spielt Industrie 4.0 eine ganz zentrale Rolle. Wir wollen unsere Aktivitäten in dem Bereich noch stärker ausbauen. Durch die Digitalisierung der Supply Chain können wir den Service-Level für unsere Kunden erhöhen, unsere Produktionsstätten noch effizienter machen sowie Produktions- und Logistikprozesse optimieren. Außerdem verbessern wir unsere Nachhaltigkeitsbilanz. Als global agierendes und produzierendes Unternehmen ist für Henkel das Thema Vernetzung besonders wichtig – das betrifft die Prozesse innerhalb der Standorte, aber auch der weltweiten Standorte untereinander. Schon heute sind 90 Prozent unserer Produktionsstandorte global vernetzt; Informationen werden in Echtzeit zentral gesammelt. Das Konzept der „Smart Factory“ haben wir also in vielen Teilen schon umgesetzt.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Wir betrachten immer die gesamte Supply Chain, von der Planung, dem Einkauf und der Produktion bis hin zur Lieferung der Produkte. Beispiele gibt es deshalb viele. So haben wir auf dem Gelände unserer Konzernzentrale in Düsseldorf ein vollautomatisches Hochregallager errichtet – das größte von Henkel weltweit. Auf einer Fläche von mehr als drei Fußballfeldern lagern mehr als 53 Millionen Pakete Wasch- und Reinigungsmittel. Die meisten Arbeitsschritte erfolgen hier vollautomatisch: Die Paletten werden per elektronischem Scan des Etiketts identifiziert und in unmittelbarer Nähe der Produktion eingelagert, Kundenbestellungen werden an das Lager übermittelt, durch automatisierte Bediengeräte wieder ausgelagert und für den weiteren Transport bereitgestellt. Ein weiteres Beispiel ist eine zentrale digitale Plattform, die aus allen Waschmittelproduktionsstandorten der Welt – das sind etwa 30 – Effizienzdaten aus der Produktion, zum Beispiel zum Energie- oder Wasserverbrauch, misst, auswertet und weltweit in Echtzeit allen Supply Chain-Managern zur Verfügung stellt. Das System erkennt Muster und identifiziert Optimierungspotenziale. Mithilfe von Big Data können wir so ganz klar unsere Nachhaltigkeitsbilanz verbessern. Seit 2011 ist der Energieverbrauch des Unternehmensbereichs Wasch- und Reinigungsmittel, in dem ich tätig bin, um 24 Prozent gesunken – davon können neun Prozent dem neuen System zugeschrieben werden.

Welche Vorteile ergeben sich durch den Einsatz von Industrie 4.0 für Ihr Unternehmen?

Die Digitalisierung und damit einhergehend die digitale Transformation bietet Unternehmen große Chancen. Daher ist „Digitalisierung beschleunigen“ eine von Henkels strategischen Prioritäten für 2020 und darüber hinaus. Wir nutzen die neuen Möglichkeiten, die sich durch Industrie 4.0 ergeben, um besser, schneller und nachhaltiger zu werden. Wir können die Produktion noch effizienter, flexibler und sicherer gestalten – und gleichzeitig Produkte von hoher Qualität für unsere Kunden gewährleisten. Außerdem führt der Einsatz moderner Technologien wie z.B. Roboter auch zu einer nachhaltigen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, denn dort wo Roboter zum Einsatz kommen, werden körperlich stark belastende Arbeit wie zum Beispiel das Heben von schweren Gegenständen oder sehr monotone manuelle Arbeitsabläufe ersetzt.

Gibt es auch kritische Bereiche, auf die man Ihrer Erfahrung nach besonders achten sollte, wenn es um Industrie 4.0 in der Produktion geht?

Ganz wichtig ist es, die Mitarbeiter mitzunehmen. Die Digitalisierung der Produktion verändert auch die Art und Weise, wie wir arbeiten. Neue Kompetenzen sind erforderlich, ganz neue Berufsbilder entstehen. Eine Herausforderung ist sicherlich der „Kampf um die digitalen Talente“. An dieser Stelle spielt aber auch die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter eine Schlüsselrolle, sonst verlieren wir den Anschluss. Wir müssen nicht nur in Technik investieren, sondern auch in unsere Mitarbeiter – Stichwort „lebenslanges Lernen“. Letztlich verändert die Digitalisierung auch unsere Kultur. Agilität, Flexibilität und eine „Test and Learn“-Mentalität ersetzen zunehmend starre Strukturen. Diese Aspekte dürfen wir nicht unterschätzen.

Was raten Sie mittelständischen Unternehmen, die sich erstmals dem Thema Industrie 4.0 in der Produktion nähern?

Erstens: Mutig sein und den Entwicklungen nicht nur zu folgen, sondern sie aktiv mitzugestalten. Zweitens: Die Mitarbeiter sind der Schlüssel für den Erfolg. Die hochentwickeltste Technik nützt nichts, wenn uns die internen Skills dafür fehlen. Und drittens: Kooperationen bilden, denn technische Lösungen entwickeln und verändern sich sehr schnell, so dass es wichtig ist, Partner zu finden, die über das notwendige Know-how verfügen.

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